Die Zeitkapsel der Wertermittlung - Basisjahr 1914

Fachbeitrag, Stand Januar 2026
Historische Gebäudefassade München

Wertermittlung Basisjahr 1914

Versicherungswertermittlung

Warum das Basisjahr 1914?

Zur Ermittlung des Versicherungswerts ist das Jahr 1914 weit mehr als ein historisches Datum. Es markiert den letzten Zeitpunkt stabiler wirtschaftlicher Verhältnisse vor dem Ersten Weltkrieg und der darauf folgenden Hyperinflation.
Bis 1914 war die Mark durch Gold gedeckt, was zu einer außerordentlichen Preisstabilität führte. Da die Baukosten für Materialien und Löhne über Jahrzehnte hinweg kaum schwankten, ließen sich verlässliche Einheitswerte für Gebäude festlegen.
Indem Versicherer heute den "Wert 1914", also die sog. Goldmark [MK], als fiktive Recheneinheit nutzen, entziehen sie die Versicherungssumme den jährlichen Schwankungen der Währung. Das Gebäude wird quasi in einer "Währung ohne Inflation" bewertet, was die Vergleichbarkeit über Jahrzehnte hinweg sichert.

Die sachwertorientierte Systematik

Die Wertermittlung nach 1914 folgt einem strengen sachwertorientierten Schema. Ziel ist die Ermittlung der sogenannten "Grundsumme 1914".

Die Bezugseinheit: Umbauter Raum (DIN 277 von 1950)

Grundlage der Berechnung ist das Volumen des Gebäudes. Hierbei wird klassisch auf den "umbauten Raum" gemäß der DIN 277 in der Fassung von 1950 abgestellt. Diese Norm definiert präzise, wie das Volumen von Keller, Vollgeschossen und Dachraum zu berechnen ist, um eine einheitliche mathematische Basis zu schaffen.

Definition von Gebäudeart und Ausbaustandard

Zur Bestimmung des Werts pro Kubikmeter (m³) wird das Objekt kategorisiert:
  • Gebäudeart: Handelt es sich um ein Einfamilienhaus, ein Merhfamilienhaus, eine Villa oder ein landwirtschaftliches Gebäude?
  • Ausbaustandard: Hier wird die Ausstattung (Heizung, Sanitär, Bodenbeläge, Dachform) bewertet. Man unterscheidet oft zwischen einfacher, mittlerer und gehobener Ausführung.

Literaturfundstellen und Einheitswerte

Um den Wert pro Kubikmeter für das Jahr 1914 zu bestimmen, greifen Sachverständige auf fundierte historische Fachliteratur zurück. Die wichtigsten Quellen für diese Einheitswerte sind:

  • NHK 1914 (Normalherstellungskosten): Das Standardwerk für die Basiswerte.
  • Tabellen von Brachmann/Holzner: Ein unverzichtbares Referenzwerk zur Wertermittlung von Hochbauten.
  • Adolf Mesenhöller/Karl-Joachim Frahm: Die Tabellenwerke gelten als präzise Grundlage für die Einstufung von Gebäudeklassen und deren spezifischen 1914er-Werten.

Abbildung moderner Bauweisen im historischen Wert

Ein häufiges Missverständnis ist, dass moderne Gebäude (z. B. Passivhäuser oder Gebäude mit Smart-Home-Technik) nicht über das Jahr 1914 abgebildet werden könnten.

Die Systematik ist jedoch flexibel: Moderne Baustoffe und technische Anlagen werden durch Zuschläge oder Analogieschlüsse in den 1914er Wert "zurückgerechnet". Es wird ermittelt, was eine moderne Wärmepumpe oder eine Dreifachverglasung kosten würde, wenn man deren Wertrelation auf das Preisgefüge von 1914 projiziert. So bleibt das System auch für zeitgenössiche Architektur anwendbar.

Von der Grundsumme zum heutigen Neuwert

Nachdem die "Grundsumme 1914" (in Mark) feststeht, muss dieser Wert in die Gegenwart transferiert werden. Dies geschieht über den Baupreisindex für Wohngebäude, der vierteljährlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht wird (der Index liegt 2025 bei etwa 2.192,4, Basisjahr 1914 = 100, Quelle: destatis.de).

Die Rolle der Wertzahlen und der Anpassungsfaktor

Durch diese Hochrechnung bzw. Indizierung passen sich die Versicherungssummen automatisch der Preisentwicklung im Baugewerbe an. Steigen die Preise für Stahl, Beton oder Handwerkerleistungen, steigt der Index – und damit auch die Entschädigungssumme im Schadensfall (die sog. Wiederherstellungskosten). Dies verhindert eine Unterversicherung und stellt sicher, dass das Gebäude zum heutigen Neuwert wiederaufgebaut werden kann.
Neben der rein mathematischen Ermittlung der Grundsumme 1914 spielt in der Vertragspraxis ein weiteres Element eine entscheidende Rolle: die sogenannten Wertzahlen (auch als Anpassungsfaktor oder Gleitender Neuwertfaktor bekannt).

Während der Baupreisindex des Statistischen Bundesamtes die reine Preisentwicklung für Bauleistungen widerspiegelt, nutzen Versicherungsunternehmen die Wertzahlen, um diesen Index in die jährliche Prämienkalkulation und die Dynamisierung der Versicherungssumme zu überführen.

Fachbeitrag, Stand Januar 2026